1. Mai 2018

Lohngleichheit jetzt. Punkt. Schluss!

Meine 1.-Mai-Rede in Muri

Ich danke den SP-Bezirksparteien Muri und Bremgarten für die Einladung.

«Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit» – dieser Grundsatz steht seit 1981 in der Bundesverfassung – seit 37 Jahren. Trotzdem verdienen die Frauen in der Schweiz im Schnitt über 15% weniger als Männer. Anders ausgedrückt, sie arbeiten fast zwei Monate im Jahr (bis zum Equal Pay Day am 24. Februar) gratis. Das ist ein Skandal und wegen diesem Skandal gehen wir heute, am 1. Mai, auf die Strasse!

Seit 37 Jahren ist Lohngleichheit in der Bundesverfassung verankert, seit 22 Jahren im Gleichstellungsgesetz geregelt – und trotzdem ist Lohngleichheit nicht umgesetzt. Wenn es im jetzigen Schneckentempo weiterginge, müssten wir noch 217 Jahre auf die Lohngleichheit warten, sagt die neuste WEF-Studie (Global Gender Gap Report).
Dieses Tempo akzeptieren wir nicht – es reicht! Es muss jetzt vorwärts gehen, und zwar schnellstens!

Das Parlament muss endlich vorwärts machen mit der Revision des Gleichstellungsgesetzes: Es braucht Lohnkontrollen und Sanktionen bei Lohndiskriminierung – anders geht es nicht.

Dass sich ohne politischen Druck nämlich fast gar nichts verändert, zeigt das Verhalten der Firmen in den letzten 37 Jahren – sie hätten genügend Zeit gehabt, Lohngleichheit auf freiwilliger Basis zu realisieren. Solange aber die Firmen nicht dazu verpflichtet werden, zahlen sie den Frauen nicht mehr Lohn. Schliesslich ist die Lohndiskriminierung für sie profitabel. Wir müssen uns bewusst sein: Ohne Druck passiert rein gar nichts.

In Europa verdienen die Frauen immer noch zwischen 5 und 25 Prozent weniger für die gleiche Arbeit als die Männer. Aber in denjenigen Ländern, die aktiv etwas dagegen unternehmen, geht diese Lohnlücke zwischen Mann und Frau zurück.

Am weitesten ist Island mit seinem Gleichstellungsprogramm: Island führt die Gleichstellungsrangliste schon seit Jahren an. Seit diesem Jahr müssen in Island alle Firmen mit über 25 Mitarbeitenden ihre Löhne überprüfen und aktiv beweisen, dass sie die Frauen nicht diskriminieren.

Beispiel Schweden: Dort gibt es seit 1994 Vorschriften gegen Lohndiskriminierung. Und seit 2009 ein strenges Antidiskriminierungsgesetz. Alle Firmen mit über 25 Mitarbeitenden müssen die Löhne alle drei Jahre überprüfen und einen Lohngleichheitsplan aufstellen. Mit diesen Massnahmen ist es in Schweden gelungen, die Lohnlücke massiv zu senken.

Ein anderes Beispiel, aus Übersee, ist Kanada: In der Provinz Ontario gibt es neu ein Gesetz für Lohntransparenz. Ab sofort müssen die Firmen in den Stelleninseraten die Lohnspanne für jede Stelle publizieren. Transparenz ist ein wichtiger Schritt zur Lohngleichheit.

All diese Beispiele zeigen: Es geht schon, man muss es nur wollen!

Aber von all dem können wir in der Schweiz nur träumen. Der Bundesrat möchte Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten zwar Kontrollen unterstellen, aber ohne Sanktionen. Und trotzdem bekämpfen die Bürgerlichen im Parlament den zahnlosen Vorschlag. Der Ständerat hat ihn kürzlich an die zuständige Kommission zurückgewiesen – eine inakzeptable Verzögerungstaktik.


In der Schweiz sind 60 % der Arbeitsstellen mit einem Monatslohn unter 4'500 Franken sind von Frauen besetzt – 86 % der Arbeitsstellen mit einem Monatslohn über 16'000 Franken sind von Männern besetzt.

Es gibt Leute, die sagen: «Die Frauen sind selber schuld daran, dass sie weniger verdienen als Männer – sie kümmern sich halt zu wenig um ihre Karriere und arbeiten mehr Teilzeit.»

Es gibt wirklich verschiedene Gründe, warum Frauen weniger als Männer verdienen. Und es ist wichtig, dass wir auch diese Benachteiligungen angehen – mit Lohnkontrollen ist es alleine nicht getan.

Gründe sind beispielsweise:

Aber diese Benachteiligungen schafft man nicht aus der Welt, wenn man den Frauen empfiehlt, doch einfach gut bezahlte Berufe oder Vollzeitstellen zu wählen. Wir müssen an die Wurzel der Probleme – und wir alle können unseren Teil zur Bekämpfung der Lohnungleichheit beitragen:

Was heisst das konkret?

Das bedeutet, dass wir in unserer Einschätzung vom Wert der Arbeit umdenken müssen: Die beruflichen Anforderungen und Belastungen in so genannten «Frauenberufen» – zum Beispiel in der Pflege, Bildung, Kinderbetreuung – müssen genauso honoriert werden wie die in vergleichbaren männlich geprägten Berufen – beispielsweise im IT-Bereich.

Das heisst, dass wir Transparenz schaffen müssen: Wir können offen über unseren Lohn sprechen, damit die Kolleginnen überhaupt eine Chance haben zu erfahren, ob sie einen diskriminierungsfreien Lohn erhalten

Das heisst, dass wir unseren Kindern klar machen müssen, wie wichtig eine gute Ausbildung ist, und wie wichtig es ist, auch dann erwerbstätig zu bleiben, wenn man eine Familie gründet.

Das heisst, dass wir vom traditionellen Rollenmuster – der Mann als Ernährer, die Frau als «Dazuverdienerin» – abkommen müssen. Und dass die Männer aufgefordert sind, sich gleichberechtigt an der unbezahlten Haus-, Familien- und Carearbeit zu beteiligen.

Das heisst, dass wir die politischen Rahmenbedingungen schaffen müssen, damit Frauen im Erwerbsleben bleiben. Es braucht bezahlbare Angebote in der ausserfamiliären Kinderbetreuung und Elternzeit.

Ich komme zum Schluss und fasse zusammen:

Wir fordern:
1. Ein gesellschaftliches Umdenken: Jede geleistete Arbeit muss gleichermassen wertgeschätzt werden. Mann und Frau sollen gleichermassen unbezahlte Arbeit erledigen.
2. Griffige Gesetze, um Lohndiskriminierung aus der Welt zu schaffen: systematische und verbindliche Lohnkontrollen, die sofortige Anpassung diskriminierender Frauenlöhne und Bussen und Sanktionen für Betrieb, die Lohngleichheit nicht einhalten.

Lohngleichheit ist Verfassungsauftrag, kein Geschenk an die Frauen! Es ist eine Frechheit, dass die Frauen immer wieder Jahrzehnte hingehalten werden. Wir werden nicht noch 60 Jahre warten wie bei der Mutterschaftsversicherung! Oder beim Frauenstimmrecht!

Wir wollen Lohngleichheit, jetzt! Punkt. Schluss!

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© Eddy Schambron, AZ Medien

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